über die Hügel von Ubeda
April 23rd, 2008Ubeda, befindet sich in der geographischen Mitte der Olivenprovinz Jaen. Somit in malerischer Ölbaumlandschaft gelegen, schmiegt sich das Städtchen an einen 600 m hohen Höhenzug. Diesem verdankt es der Sage nach semen Namen. Und das ist so: Vor langer Zeit verlief über jenen Bergrücken ein natürlicher Verkehrsweg von Ostspanien nach Andalusien. Er machte die Zone zu einem Durchgangsgebiet für reisende Kaufleute. Dennoch galt der Sektor weiterhin als abgelegen. Grössere Handelswege waren um ihn entstanden. Daher musste man im wahrsten Sinne Uber die Hügel hinaus wandern, wollte man nicht den Anschluss an die Geschehnisse verpassen. Aus dieser Epoche nun stammt der geflügelte Wortlaut über die Hügel von Ubeda hinausgehen.
Die in der Einleitung zitierte Redewendung wird noch heute, besonders im übertragenen Sinne, angewandt. Sie kann alles mögliche zum Ausdruck bringen. Zum Beispiel dass man vom Thema abschweift. Oder dass das Gesagte ungelegen kommt.
Die einstige Siedlung trug mehrere Namen. Die Römer nannten sie Betula, die Araber Ubbat-al-Arab, und die Sarazenen entschieden sich für Obdah.
Mehr als 200 Jahre hatte die Stadt aktiv am Kampf gegen die Muselmanen teilgenommen. Doch das Schicksal der Mauren entschied sich entgegen der irrigen Annahme weder in Granada noch in Sevilla oder in Cordoba, sondern vielmehr am historischen Kriegsschauplatz Las Navas de Tolosa. Bei dem Dorf an der nördlichen Grenze der Provinz Jaén. Dort fand 1212 die berühmte Schlacht statt, aus der die christliche Armee von Kastilien siegreich hervor ging. Von der gigantischen Schlucht, dem Tor nach Andalusien”, hatte das Heer die Araber vernichtend in die Tiefe gestürzt. Aus jener Epoche stammt die sinnige Benennung des Hohlpasses: Despeñaperros.”Sturz der Hunde”.
Nach diesem Wendepunkt der Geschichte beschlossen die Mauren vom benachbarten Baeza, sich aus Furcht vor den Siegern nach Ubeda zurückzuziehen. Hier war es für sie sicherer. Doch acht Jahre später wurde auch diese Schwesternstadt von den Christen erobert. Zunächst nur vorübergehend. Ferdinand III. von Kastilien (der Heilige) gewann sie erst endgültig im Jahr 1234 für die Krone des Landes zurück. Das geschah am 29. September, dem Tag des St. Michael. Seither ist er der Schutzpatron Ubedas. So wird dieser Ort besonders in den Religionskriegen mit den Muselmanen erwähnt. Den heiligen Michael aber hebt das Stadtwappen auf rotem Grund hervor.
Nicht zu vergessen ist, dass Ubeda aussergewöhnliche Männer der Reichsregierung hervorbrachte. Nach der entscheidenden Reconquista liessen sich Adelige und alteingesessene Landedelleute hier nieder. Hatten sie doch ihrem König bei der Eroberung der Stadt treu und tapfer beigestanden. Da die Blütezeit in der Renaissance gipfelte, erstaunt es nicht, dass wir noch immer im Kern, gleich Baeza, dieser überwiegenden Baukunst ansichtig werden. In Ubeda ist sie eindeutlich aristokratischem Charakter. Vorhanden ist aber auch orientalischer Mudejar. Romanische und goticche Architektur erscheinen in trauter Eintracht daneben.Unter den Baumeistern tauchen illustre Namen auf. Der des grossen Schöpfers Diego de Siloe. Auf Schritt und tritt begegnen wir dem Genius Andres de Vandelvira. 1509 wurde er in Alcaraz (Albacete) geboren. Bereits zu lebzeiten wurde sein Talent anerkannt. Daher genoss er eine gehobene soziale Stellung. Er hatte viel Geid und sogar einen Sklaven. 1575 starb er in Jaen.
Nicht minder bedeutend sind die Mäzene Juan Vasquez de Molina und Francisco de los Cobos. Letztgenannter verstand es, die Grundlagen seines Vermögens zu schaffen, indem er die Gunst des Kaisers erstrebte und Kastilien verliess. Bereits 1529 war Cobos Sekretar Karls V. und gleichzeitig Schriftführer für das Finanzwesen und für Spanisch-Amerika. Allein das Amt des Fundidor de Indias brachte ihm jährlich eine Million Maravedies ein. Eine stattliche Summe. Doch wurde der Kaiser seiner unersättlichen Habgier überdrüssig und warnte seinen Sohn, Philipp II., vor ihm. Dieser ersetzte Cobos durch Juan Vazquez de Molina. Nun aber gehörte die Mutter von Francisco de los Cobos zur Familie Molina. Beide Geschlechter waren wiederholt Ehen miteinander eingegangen. Die Folge: der neue Reichssekretär war einerseits Vetter und andererseits Neffe des Entlassenen.
Um die heutige Plaza de Vazquez de Molina gruppiert sich die bezugsvolle Denkmäleranlage. Auf unserem Spaziergang durch das alte Viertel können wir sie nicht verfehlen. Zu ihr gehören der Palacio de las Cadenas, die Sacra Capilla de El Salvador und der Palacio de los Ortegas. Letzterer, ein gestrenger Bau mit charakteristischen Eckbalkonen, ist im 16. Jh. entstanden und im 17. Jh. restauriert worden. Einst war er Besitz des Kronfeldherrn Davalos. Später wurde er zur Residenz von Fernando de Ortega. Dieser war Dechant von Malaga und erster Kaplan der Sacra Capilla. Seit 1930 dient der Palast als Herberge des staatlichen Parador Nacional de Turismo Condestable Davalos. Wir betreten ihn durch einen lnnenhof mit zweifacher Galerie.
Der Renaissancepalast der Ketten (Las Cadenas), Sitz des Ayuntamiento, war ursprünglich durch einen Vorhof zugänglich. In diesem dominierte das Haupttor, flankiert von stattlichen Säulen, um die schwere Eisenketten gewunden waren. Derzeit fassen sie den grosszügigen Platz des Rathauses ein. Uber dem Eingang sieht man das Gründerwappen von Andres de Vandelvira. lnteressant ist der Innenhof mit doppelter Arkade. Gegenüber prangt die Kirche Santa Maria de los Alcazares. Ein Produkt verschiedener Zeiten und differenter Künstler. Ubeda zieht uns in ihren Bann. Mit den Stadtmauern, Türmen und Toren ist sie eine Stätte von adeligem, würdevollem und harmonischem Gepräge.
Eine willkommene Rast bietet die schöne Aussichtspromenade im südwestlichen Stadtteil. Wie heisst es so trefflich? Die Seele baumeln lassen? Genau diesen Ratschlag befolgen wir. Nach ergiebigem Genuss des herrlichen Panoramas erreichen wir einen besonderen Winkel der Vergangenheit. Begrenzt vom Wall La Cava und der Puerta de Granada. Aufgepasst, wer ihren Rundbogen passiert, betritt das Reich der Nasriden. Natürlich liegen viele Mauern unter späteren Bauten begraben. Aber einige Tore und Türme haben die Zeiten überdauert, sind aus den Kämpfen zwischen Mauren und Christen mit heiler Haut hervorgegangen und der Stadt als Zierstücke erhalten geblieben. Sehenswert in diesem Bereich ist das Haus der Türme. Seinen Namen verdankt es den beiden würdigen Turmwächtern, die den Eingang im plateresken Stil rahmen. Die Casa de los Torres liefert einen Vorgeschmack auf Santiago de Compostela.
Nach dem Streifzug durch das monumentale Ubeda gelangen wir von der Cuesta de Miradores zum Viertel der Kunsthandwerker. in der Calle Valencia sind die Töpfer zu Hause. Sie produzieren grünglasierte Keramik. In der gleichen Strasse werden interessante Wappenzeichen auf Kacheln hergestellt. Hinzu gesellen sich schmiedeeiserne Gegenstände mit langer Tradition. Auch Möbel im spanischen Stil und kunstvolle Laternen sind die Produkte der herr kömmlichen Handwerkszweige. Noch immer werden sie von den Nachkommen derjenigen gepflegt, die früher im Umkreis der grossen Adelshäuser und Paläste lebten und arbeiteten.
Von der Puerta del Losal geht es steil abwärts zur meilenweiten Ruta de Olivares. So landen wir inmitten fruchtbarer Olivenkulturen. Denn daraus besteht ja Ubedas Landwirtschaft. Des Weiteren aus Wein- und Getreideanbau. Begünstigt wurde die Ökonomie durch den Plan Jaen. Seiner Durchführung sind der Bau von Bewässerungskanälen, Landwirtschaftsfabriken und neuen metallverarbeitenden Industrien zu verdanken. 1 965 hat man Vorkommen von doppeltkohlensauren Salzen, sogenanntes Natriumbikarbonat, entdeckt. Nur 8 km vor Ort. Die Espartofelder der Region führen zur Herstellung von Artikeln aus diesen strapazierfhigen Gräsern. Sie umfassen Tragkörbe für die Ölgewinnung in den Olivenmühlen, Matten, Teppiche und Tragetaschen.
In einer altertümlichen Gasse entdecken wir die Vitrine der vertrumten Confiseria La Milagrosa. Sie veranlasst nicht wenige Passanten, mit sich zu ringen. Denn die Auslagen verlocken mit Konditor- und zuckersüssen Backwaren, traditionellen Leckereien. Sie bitten förmlich darum, gekauft und vernascht zu werden. Wer könnte da widerstehen? Vor uns liegen Ochíos und Tortas de Aceite, kleine Öltörtchen. Gebacken mit viel Olivenöl, Sesam, Anis und reichlich Zucker. Beliebt sind die Tortas de Manteca, eine Brötchenart. Ein grosses Tortenblech enthält Mostachones, frische Biskuitkuchen. Ob man die Polverones probieren soll? Als Schmalzgebäck muten sie kalorienärmer an als die Yemas de Sta. Ursula. Jedenfalls kneifen wir bei den gezuckerten Eidottern der hl. Ursula. Ihrem Namen alle Ehre machen die ortsbekannten Tocínillos de Ubeda. Himmelsspeck in Kleinformat. Mit glänzender Puddingschicht und triefendem Gussüberzug. Die ausgeprägte Vorliebe für all dieses zuckersüsse Naschwerk haben die Ubedenser von den Mauren geerbt und die Rezepte nach alter Uberlieferung ihren Nachkommen vermacht.
Im Anschluss an Ubeda unternehmen wir einen regionalen Abstecher. Das Wetter zeigt sich von seiner besten Seite. Nichts hält uns auf. Denn neben der Kunst, der von Menschenhand erzeugten Schönheit, liegt die herrliche Natur der Umgebung zum Greifen nahe. Speziell das Bergland von Cazorla breitet seine ganze Grossartigkeit aus. Hier entspringt der Río Guadalquivír. Lebensspendendes Wasser ergiesst sich durch Flüsse und sprudelt aus den Quellen hervor. Es stürzt über das Gefälle und sammelt sich in Seen und Staubecken. Und überall herrscht tiefe, erholsame Stille.